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Atem als Brücke zum Bewusstsein

Solange wir leben, atmen wir und meistens, ohne darüber nachzudenken. 

 

In der meditierisch Stillemeditation, auf die in den folgenden Kapiteln näher eingegangen wird, kommt dem Atem eine wichtige Bedeutung zu. Doch im Grunde ist nicht viel zu sagen, denn atmen sollte ganz natürlich aus uns heraus entstehen. Dennoch, um durch die Meditation irgendwann in die Stille zu gelangen, kann der Atem hilfreich sein.

 

 

Gehen wir es ganz praktisch an. Ziel, wenn es denn ein Ziel in der Meditation überhaupt gibt, ist bei meditierisch, in die Stille zu gelangen (mehr über diese ominöse Stille erfährst Du später noch). Zunächst üben wir alleine, wobei unser Haustier gerne im Raum sein kann. Wenn wir von allein in die Stille gelangen können, dann gibt es weitere Variationen mit Tieren, die in späteren Kapiteln beschrieben werden. Also, fange wir bei der Basismeditation an, auf einem Kissen, Bank oder Stuhl im Sitzen. Die Sitzhaltung kennst Du bereits. Die Augen bleiben halb geöffnet und blicken ruhig etwa einen Meter vor uns auf den Boden, ohne dabei den Kopf zu senken. Und dann atmest Du! Ja, tust Du sowieso hoffentlich die ganze Zeit schon. Aber nun nimmst Du den Atem bewusst war. Konzentriere Dich auf den Atem, wo er einfließt, bis wohin und wo er den Punkt wechselt und wieder rausfließt. Dabei nimmst Du, ohne zu bewerten, ganz interessiert wahr, was da passiert. Ist es schnell, langsam, wie ist das Verhältnis von Ein- zu Ausatmung, ist es gleichlang oder dauert die Ausatmung vielleicht etwas länger? Bis wohin spürst Du die Luft? Wo dehnt sich Dein Körper aus, eher in der oberen Brust, oder die ganze Brust entlang, vielleicht auch über den Rücken oder gar bis unten in den Bauch? Du verfolgst den Weg der Luft an jeder Stelle. Interessanterweise fangen wir, sobald wir das erste Mal ganz bewusst bei der Atmung sind, auf einmal an, seltsame Dinge zu tun. Der Atem wird manchmal schwer, oder schneller oder wir haben das Bedürfnis ganz tief zu atmen. Manchmal wird uns schwindelig, weil wir vor lauter Konzentration hyperventiliert haben. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die Aufgabe ist nun, zu warten, bis der Atem ganz natürlich fließt, ohne Anstrengung und in der Geschwindigkeit, wie es sich für Dich persönlich als normal und womöglich sogar angenehm anfühlt. Wenn Du das schaffst, ist die erste Hürde gemeistert! Du atmest, ganz natürlich und kannst sogar Dein Bewusstsein wertfrei darauf ausrichten! Gratuliere!

 

Dann kommt der nächste Schritt. Aber pass auf, dass Du nun nicht anfängst ehrgeizig zu werden! Um tiefer in die Stille und im Hier und Jetzt präsent zu werden, ist es hilfreich, wenn das Ausatmen länger als das Einatmen dauert. Außerdem ist der tiefste Punkt der Atmung der Unterbauch, knapp unterhalb des Bauchnabels. Auch beim Einatmen versuchen wir diesen Punkt gedanklich so niedrig im Unterbauch zu halten wie möglich, aber locker, nicht durch Druck oder Anspannung. Stell Dir vor, Du hättest ein ovales, flaches Sitzkissen, dass sich in Deinem Unterbauch beim Ein- und Ausatmen durch Deinen Atem bewegt. Halte immer Kontakt zu diesem imaginären Kissen im Unterbauch. 

 

Wenn Du Dich auf diese Weise mit dem Atem beschäftigst, bist Du beim Atmen präsent! Das ist in unserer westlich geprägten und modernen Welt nicht selbstverständlich. Genieße es!

 

Alle Schritte die hier beschrieben sind, sind Etappen. Plane für jeden Schritt erstmal nur 5-10 Minuten bewusst ein. Erst wenn Du mit einem Schritt sicher bist und Deine Aufmerksamkeit beim Atmen halten kannst, ohne ständig in Gedanken abzuschweifen, gehe zum nächsten Schritt über. Überspringe bitte keine Schritte, denn es geht nicht um Ehrgeiz, Ziele und Vorankommen, sondern um einen Weg der Erfahrung und des Bewusstwerdens, was Leben (noch) sein kann.

 

Wir kommen zum nächsten Schritt, welcher erst nach längerer Übung der vorherigen folgen sollte, damit Du wirklich alles bewusst wahrnimmst. Nun fängst Du an, während Du weiterhin in der Bauchatmung bleibst, in Gedanken einen Satz zu formulieren. Beim Einatmen sagst Du Dir gedanklich zeitgleich mit dem Fluss des Atems: "Wenn ich einatme, atme ich ein." Und sobald Du anfängst auszuatmen: "Wenn ich ausatme, atme ich aus." Lass den Satz solange andauern, wie die Ein- bzw. Ausatmung braucht. Diese Übung dient dazu, Deine Konzentration auf ein Meditationsobjekt (der Atem bzw. der Satz) zu halten und außerdem hilft es Dir, dass Du in der Zeit frei von anderen "unfreiwilligen" Gedanken wirst. Wir können immer nur einen Gedanken zur Zeit denken. Alle Gedanken sind einzeln und hintereinander, mal langsam und mal schnell. Durch das gedankliche Aufsagen eines Satze, kannst Du nur das denken. Und durch die gleichzeitige Konzentration auf den Atem verbindest Du Gedanken und Körper und harmonisierst beides.

 

Probiere es einmal aus!

 

Im nächste Kapitel gehen wir noch weiter mit dem Atem. Dann zählen wir bis 10! Oho, sei gespannt, wie schwer dies sein kann!