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Von der Kunst bis 10 zu zählen

Glaubst Du, dass es als Erwachsener nochmal schwer sein kann, bis 10 zu zählen? Wir machen einen Versuch. Es ist immer wieder erstaunlich, was dabei wirklich geschieht. Nehme alles, was nun kommt, mit ein bisschen Humor!

 

Klar kannst Du bis 10 zählen. Jedes Grundschulkind kann das im Schlaf. Aber pass auf, wie schwer es in der Meditation sein kann. Wir machen folgendes. Zuletzt hast Du die Atemmeditation gelernt, bei der Du in Gedanken den Satz "Wenn ich einatme, atme ich ein, wenn ich ausatme, atme ich aus." aufsagtest. Nun wandeln wir diese Meditation ab. Statt des Satzes zählst Du nun in Gedanken bei jedem Atemzug von 1 bis 10. Beim ersten Einatmen zählst Du in Gedanken die Eins, beim darauffolgenden Ausatmen die Zwei, beim darauffolgenden Einatmen die Drei und so weiter, bis Du bei der Zehn angelangt bist. Dann fängst Du wieder bei Eins an. Wenn Du merkst, dass Du Dich verzählt hast, beginne wieder bei der Eins. Bleibe dabei die ganze Zeit bei Deinem Atem und versuche möglichst in den Unterbauch zu atmen. Ich bin gespannt, ob Du, wie viele, die diese Übung das erste Mal machen, vergisst, zu zählen und mit den Gedanken abschweifst oder ob Du gar bis Zwanzig zählst. Bei den meisten Menschen passieren nämlich genau dies und das ist ganz normal. Solltest auch Du dazu gehören, mach Dir keine Sorge, Ärgere Dich nicht, sondern nehme es mit Humor.

 

Nun wandelst Du die Meditation leicht ab. Du zählst nur noch bei den Ausatemzügen von Eins bis Zehn und beginnst dann wieder von Vorne. Beim Einatmen konzentrierst Du Dich lediglich auf den Atem. Dies ist schon etwas schwieriger, weil die Stille zwischen den einzelnen Zahlen, die ein Gedanke sind, sich vergrößert. Wir benötigen nun mehr Konzentration, um nicht mit Gedanken abzuschweifen, uns zu verzählen oder gar einzuschlafen.

 

Worum fällt es plötzlich so schwer zu zählen? Sobald wir uns in den Meditationssitz begeben und zur Ruhe kommen, fängt unser Geist an, umherzuschweifen. Er ist es nicht anders gewohnt. Er hüpft mal hier hin, mal dort und wechselt gerne das Thema oder dreht sich dreiunzwanzig Mal um dasselbe. Ganz normal. Oder aber wie dösen ein und träumen vor uns hin. Unser Gehirn und der restliche Körper haben verinnerlicht, dass sobald der Körper zur Ruhe kommt, dies Schlafengehen bedeutet und dann lässt bekanntlich auch die Konzentration nach. Was aber bedeutet eigentlich Meditation? Der Begriff meint in der Essenz, dass wie uns in einen entspannten, gelassenen Zustand bringen bei gleichzeitig wachem Geist. Da wir aber über die Jahre nicht in so etwas geübt sind, geht quasi unser Automatikmodus an und zerstreut den Geist, lässt ihn grübeln oder aber einschlafen. Meditation beinhaltet auch, dass man sich, zumindest zu Anfang, auf ein bestimmtes Meditationsobjekt konzentriert. Das Meditationsobjekt ist in diesem Fall das Zählen und der Atem. So wird geübt, trotz immer entspannterem Körper, wach und konzentriert zu sein. Dieser kleine Trick ist wichtige Voraussetzung für alles, was danach kommt. Denn nur, wenn der Geist erst einmal lernt, wach und konzentriert zu bleiben, kann er später auch ohne eine solche Übung die Wachheit aufrechterhalten, ohne abzuschweifen oder einzudämmern. 

 

Ein wacher und gleichzeitig entspannter Zustand ist das Ziel, welches wir bei meditierisch anvisieren. Denn so gelingt es uns, in die Stille einzutreten, den Bereich zwischen zwei Gedanken, in das Hier und Jetzt und das lebendige Sein. Warum sollte man jedoch dort hin wollen? Auch hierüber wird es noch ein Kapitel geben. Aber vorweg, eine Zeitlang wach in der Stille verweilen zu können, bringt Ruhe, Gelassenheit und Klarheit in den Geist. Man fühlt sich danach wacher und auch konzentrierter. Hinzu kommt, dass man in dieser Stille die Dinge und auch sich selbst viel bewusster wahrnimmt als zuvor. Wenn es klarer wird, ist es objektiver. Und wenn wir später die Stillemeditation mit Tieren oder in der Natur machen, erleben wir alles um uns herum viel intensiver und verstehen und vor allem fühlen mehr. Das Leben wird bunter, intensiver und reichhaltiger, zugleich aber auch ruhiger und friedvoller. Alleine dafür lohnt es sich schon, die lustige Zählerei bei der Atemmeditation fleißig zu üben. 

 

Wenn Du nun schon eine Weile, vielleicht ein paar Tage oder Wochen, jeden Tag eine gewisse Zeit das Zählen in der Meditation vollbracht hast, beobachte einmal bewusst die Pausen zwischen den Zahlen. Sicher sind Deine Ausatemzüge mittlerweile länger geworden, so dass diese Pausen sich ausdehnen. Nun beginnt die Übung, den Geist von selbst wach und konzentriert zu halten. Wobei diesmal die Konzentration auf nichts bestimmtes gerichtet ist. 

 

Und dann hörst Du auf zu zählen! Und machst weiter, schaust mit halbgeöffneten Augen vor Dich, atmest und bleibst vor allem wach, ganz wach! Willkommen in der Stille! Gratuliere!

 

Und schwupps, ist sie schon wieder entglitten oder ein Gedanke hat sich zu einer Geschichte verselbstständigt!

Lächle und komme wieder zu Deiner wachen und ungerichteten Aufmerksamkeit zurück. Wenn es schwer fällt, fängst Du wieder mit dem Zählen an, bis Du Dich wieder bereit fühlst, gar nichts zu denken. 

 

Und was ist, wenn jetzt doch noch ein Gedanke kommt? Darf der das? Na, aber klar doch! Am Anfang werden sogar sehr viele Gedanken kommen. Wie bei einer Werbeanzeige ploppen die Gedanken aus dem Unterbewusstsein hoch. Plopp: "Möchtest Du vielleicht an dies hier denken?" Du nimmst das wahr, kommst mit Deiner Konzentration aber wieder in die wache Gegenwart und der Gedanke verschwindet von selbst. Du brauchst ihn nicht wegschieben oder so, das würde ihm viel zu viel Aufmerksamkeit schenken. Du nimmst wahr: "Oh, ein Gedanke." und machst weiter, bis plopp: "Wenn nicht an das eben, möchtest Du vielleicht an das hier denken?" Und so geht es immer weiter. Irgendwann aber, da kannst Du ganz beruhigt sein, werden die aufplopppenden Gedanken in größeren Abständen kommen. Dazwischen macht sich mehr und mehr die Stille breit, die Du wach wahrnimmst und Dich daran erfreuen kannst. Doch Obacht, auch der Gedanke daran, dass es jetzt schön ist oder man sich freut, wird schnell zum Gedanken und man verliert sich in der Freude, also im Denken. Nimm einfach nur wahr, dankbar für diesen Moment, indem Du nichts tun musst, noch nicht mal denken. Und tatsächlich wirst Du irgendwann merken, dass das einfach nur Dasitzen ohne zu denken, dieses entspannte und erfrischte Dasein, den Aufwand tatsächlich lohnt. Was dann aber äußerst wichtig ist, ständig aufmerksam zu sein und immer darauf zu achten, den Geist wirklich wach zu behalten! Wenn Dir das irgendwann gelingt, dann empfindest Du möglicherweise sogar die Atemzählmeditation als für den Kopf anstrengend und wird diese nur noch für den Anfang der Meditation, um den Geiste zu beruhigen, benötigen. Danach kommst Du in die Stille. Die ab und an aufploppenden Gedanken, die lässt Du einfach da sein und sie verschwinden von selbst. Ein bekannter Zen-Meister soll einmal gesagt haben: "Lass Deine Eingangstür und den Hinterausgang offen. Lass Deine Gedanken kommen und gehen. Serviere ihnen einfach keinen Tee."

 

So kommst Du vom Zählen schließlich in die Stille.

Tritt ein und genieße diese friedvolle Atmosphäre!

Und sei Dankbarkeit für das Leben!