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Die Musik steckt in der Stille zwischen den Noten

Was ist Stille? Bedeutet es, alles verstummen zu lassen oder aber, alles zum Leben zu erwecken?

 

Wenn wir in der Meditation von Stille sprechen, dann werden wir zunächst einmal wirklich still. Wir bewegen uns nicht, denn jede Bewegung des Körpers würde Energie und elektrische Nervenimpulse auslösen, die die Stille unterbrechen. Wir reden nicht, denn auch dies hätte selbigen Effekt. Sogar die Augen bleiben ruhig gerichtet und am Ende werden sogar die Gedanken ruhig. Was bleibt da noch übrig? Wo bleibt da noch das Leben, ja die Lebensfreude? Ist es nicht trostlos, so bewegungslos herumzusitzen? Können wir uns dann nicht gleich begraben, wenn wir eh nichts machen ? Und überhaupt, es gibt so viel Wichtiges auf der Welt, vom eigenen Unterhalt und Dach über dem Kopf bis hin zu den vielen Geschöpfen, denen wir vielleicht helfen oder die wir retten wollen? Und jetzt wie tot herumsitzen und nichts tun? Ist das nicht ziemlich egoistisch?

 

Es kommt darauf an, was man daraus macht und aus welcher Intention heraus. Nur durch das regungslose Sitzen und das Lernen, die Gedanken zur Ruhe zu bringen, bei gleichzeitiger Wachheit, wird es uns möglich, erstmals mit der Stille in Kontakt zu treten. Wie will man das sonst lernen? Was ist aber überhaupt diese Stille? Es ist das Leben, welches man spürt, wenn man einfach nur spürt. Allerdings geht dieses Gefühl über das gewöhnliche menschliche Empfinden hinaus. Es unterscheidet sich von den Körperempfindungen, die wir infolge von Emotionen im Körper wahrnehmen. Eine Emotion, die sich im Körper bemerkbar macht, ist in der Regel wertend, dass heißt wir unterteilen in angenehm oder unangenehm. Das Gefühl der Stille ist hingegen weder das eine noch das andere. Aber neutral kann man es auch nicht nennen. Die Stille enthält alles, aber ohne Bewertung und ist sehr zart und trotzdem unbegreiflich, so dass uns die passenden Worte zur Beschreibung fehlen. Darum bedienen sich alte und neuzeitliche Mystiker, Spirituelle oder Naturverbundene zumeist Umschreibungen, poetischen Gleichnissen oder Hinweisen, die erahnen lassen, worum es geht. Ich würde es der Einfachheit halber mal als "das Leben spüren" beschreiben. Man ist eingebettet in das ständig fließende, sich verändernde Leben, so dass man sich wie in einem großen Meer fühlt. Die Stille umgibt und durchdringt einen, wobei man Teil des Ganzen ist, lebendig und trotzdem gelassen, wach und friedvoll. In der Meditation wird es möglich, solche Momente zu erhaschen. Sie zeigen sich, gerade wenn wir sie nicht aktiv suchen. Ist hingegen ein Wille dabei, ein "Ich will heute die Stille spüren!", dann ist dies schon eine Art Denken, welches den Fluss unterbricht und so die Stille nicht zulässt. Aber wünschen, dass darf man. Wünschen ist eine Art innere Bereitschaft und Offenheit für etwas, was man annimmt, wenn es sich zu gegebener Zeit freiwillig einstellt mit der gleichzeitigen Akzeptanz, dass man es auch hinnimmt, wenn es sich nicht einstellt. Man kann sich wünschen, in die Stille eintreten zu dürfen und dann setzt man sich hin, nimmt die Meditationsposition ein, verhält sich still, ruhig, gelassen, Gedanken kommen und gehen, nichts und rein gar nichts passiert, wir bleiben im Nichts, es ist ok. Und wenn die Stille sich zeigen kann, dann wird sie es tun. Aber das geschieht von selbst. Lass es geschehen. Wenn Du im selben Raum oder in der Nähe eines Tieres meditierst, dann wirst Du vielleicht im selben Moment merken, dass auch das Tier das Eintreten der Stille spürt. Häufig legen sie sich dann hin, oder atmen tief durch. 

 

Außer, dass es sich tatsächlich friedvoll und richtig anfühlt, wozu braucht man die Stille noch? Was ist der tiefere Sinn regelmäßig Stillemeditation zu praktizieren? Für unser aller Leben ist es wichtig, dass wir uns als Menschen als Teil der Natur eingliedern und im Sinne allen Lebens handeln. Doch das geht nur, indem man ein Gespür für das Leben bekommt, nicht nur rational sondern wirklich tief im Inneren. Stille bringt Harmonie, ordnet und reinigt, ohne dass wir etwas machen müssen. Wir brauchen lediglich zulassen, dass die Stille für uns harmonisiert. Hierfür braucht die Stille allerdings einen Raum und den können wir nur durch unseren Körper, Geist und unsere innere und äußere Haltung ermöglichen. Wie willst Du in der Welt wirken, wenn Du Deinen Geist nicht regelmäßig klärst und harmonisierst und Dich nicht um Deinen Körper, Dein einziges Zuhause, kümmerst? Wieviele Helfer opfern sich auf für andere und tragen selbst tiefe Schmerzen, seelische Leiden und gar Traumata mit sich herum? Können sie auf Dauer durchhalten, Gutes zu tun? Wenn wir uns regelrecht auslaugen, führt es häufig dazu, dass irgendwo im Außen Schuldige für das Leid in der Welt gesucht werden. Doch die Konsequenz ist meist, noch mehr zu Helfen, noch mehr zu Tun, zu Schaffen, zu Handeln, aber dabei erschöpft und resigniert zu werden, weil wir nicht akzeptieren wollen, dass es Leid gibt. Wir helfen somit aus den Motiven der Abwehr und des Nichtakzeptierens. Mit anderen Worten, wir kämpfen gegen etwas an. Ist das wirklich Helfen? Viele werden nun energisch abwehren, wenn ich behaupte, dass man so nicht in der Welt hilft, sondern nebenbei noch mehr Leid erzeugt, obwohl man doch eigentlich Gutes tun will. Manchmal ist es wichtig zu Handeln und manchmal auch, weniger zu tun. Aber haben wir ein wirkliches Gespür dafür, was richtiges Handeln ist und wann es wirklich notwendig ist, sich voll und ganz allem hinzugeben, über das eigene Leid hinaus? Wie kommen wir diesem Gespür zumindest ein wenig näher? Ich glaube tief im Inneren, dass unser Leben tatsächlich aus dem sich gegenseitig Helfen oder Dienen besteht. Helfen ist eine Art von Geben. Wenn wir uns alle gegenseitig etwas Geben und zwar freiwillig, weil wir es aus ehrlicher Nächstenliebe wollen und uns das Geben Freude bereitet, ohne dass wir Dank oder eine Reaktion vom Gegenüber erwarten, dann bereiten wir anderen Geschenke. Es ist wie in einem großen Ökosystem, einer Blumenwiese oder einem Wald, indem jeder Organismus auf irgendeine Art und Weise zum Großen Ganzen beiträgt. Aber nur, wenn jedes kleinste Teil dient und jeder andere Aufgaben hat, funktioniert es und ist ein harmonisches Miteinander. Übertragen auf das Helfen oder Wirken in der Welt bedeutet dies, dass wir es als unsere wahre Aufgabe sehen, dem großen Ganzen zu dienen, freiwillig und aus Freude und Mitgefühl für andere. Nur ein gesunder, starker Apfelbaum kann anderen Lebewesen schöne, runde, gesunde Äpfel liefern. Nehmen wir ihn als Beispiel für unser Wirken in der Welt.

 

Wenn wir aus unserer inneren Tiefe, aus unserer innen Stille alle Kraft schöpfen und die Energie aus unserem Inneren fließen lassen, dann handeln wir harmonisch, erschöpfen nicht und wissen intuitiv, was zu tun ist und auch, wann es Zeit ist, zur Ruhe zu kommen, nichts zu tun oder die Dinge sich selbst zu überlassen. Manchmal stellen wir uns wertend als Überlegen dar, wenn wir andere zu Kranken, Hilfsbedürftigen oder Armen machen und uns als Heiler, Helfer oder Gönner darstellen. Wir glauben nicht daran, dass sich manches von selbst reguliert. Oder wir handeln aus den falschen Motiven. Manchmal braucht es "nur" ein mitfühlendes Gegenüber, das wach und liebevoll da ist. Das ist geteilte, aufmerksame Stille, Aber manchmal braucht es tatkräftiges Anpacken. Und dann ist auch genauso wichtig, dass wir Geschenke von anderen erkennen und uns daran erfreuen und sie annehmen, nicht in unterwürfiger Dankbarkeit sondern es einfach nur dankend annehmen.  Das wäre ein Idealzustand. Doch ist alles ständig im Wandel und in ständiger Neuordnung. Somit gibt es ständig etwas für uns zu tun oder aber nicht zu tun. Zu erkennen, was gerade in dem jetzigen Moment unsere Aufgabe ist, dafür brauchen wir die Stille in uns, die uns den Weg zeigt.

 

Was hält uns ab von der Stille? Was erschöpft uns? Warum merken wir nicht, was es zu tun gibt, um diese unheilvollen Zustände sein zu lassen? Manche nennen es Ego, mache unheilvolle Geisteszustände. Kurz kann man sagen, alles, was als Absicht das Verlangen nach etwas hat, was man jetzt gerade nicht bekommen kann und was man aber nicht akzeptieren will, führt auf irgendeine Weise zu Leid in der Welt. Alles, was wir Ablehnen, was gerade nicht so sein soll, wie es ist, aber trotzdem da ist, alles, was wir bekämpfen, führt zu Leid in der Welt. Wenn wir Akzeptieren, dass wir etwas gerade nicht bekommen können und dass etwas, was wir nicht mögen, trotzdem da ist, dann können wir Leid in der Welt verhindern. Und wenn wir erkennen, dass es etwas zu tun gibt, also wir möchten etwas und können dies wirklich tun, dann tun wir es genau jetzt. Wenn wir etwas gerade jetzt nicht mögen und können tatsächlich jetzt etwas ändern, aber auf heilvolle Weise, dann tun wir es genau jetzt.

 

Um zu erkennen, welche Motive hinter unserem Handeln stehen und um unsere Intuition, wann wir richtig handeln, besser spüren zu können, ist die Stillemeditation wirklich sehr hilfreich. Denn wir lernen gerade in der Stille uns selbst kennen. Wenn wir einfach nur da sitzen, dann begegnen uns alle Begebenheiten des Alltags wieder, auf subtile Weise durch die Gedanken und durch Körperempfindungen. Wie gehen wir nun damit um? Genauso, wie beschrieben, durch Akzeptanz oder Veränderung. Wir lernen so im geschützten Raum der Meditation unser Handeln und uns selbst kennen und lernen Stück für Stück, wie wir dies automatisch auch in den Alltag übertragen. Hierfür braucht es aber die Achtsamkeit und Fähigkeit zur Reflektion, genau diese Dinge im Alltag wiederzuerkennen. Dies ist ein lebenslanger Weg. Wir sind ziemlich unperfekt, aber wir bemühen uns trotzdem aufrichtig, aus Liebe, Mitgefühl und Dankbarkeit zum Leben. Es ist unsere Pflicht als Mensch, Verantwortung zu übernehmen und uns um ein heilvolles, harmonisches Leben zu kümmern, um uns zu kümmern und um das Leben um uns. Die Stille in der Meditation hilft uns. Nur, wenn wir wirklich in der richtigen Haltung in der Meditation sind und innerlich ruhig, gelassen, friedvoll, ohne Ablehnung oder Verlangen, nur dann zeigt sich uns die Stille. Sie zeigt uns dann, dass wir auf dem richtigen Weg sind, Und sie hilft uns, wenn wir Hilfe benötigen. So gesehen macht die Stille das Leben lebenswert.