· 

Übererregbarkeit beim Tier

WIE ÄUSSERT SICH ÜBERERREGBARKEIT BEIM TIER?

Wie auch beim Menschen, gibt es Hunde oder Katzen, die sich schnell aufregen. Übererregbare Hunde oder Katzen zeigen eine ständige Unruhe, eine übertriebene Wachsamkeit und kommen nur selten wirklich in einen entspannten Zustand. In bestimmten Situationen oder generalisiert kommt es zu überschießenden Reaktionen wie Angst, Aggression oder Übersprungshandlungen. Ein Hund, welcher übertrieben reagiert, scheint sich regelrecht aufzubauschen. Wenn er sich freut, dann zeigt er nicht nur muntere Erregung, sondern regelrecht übertrieben alberne Ausgelassenheit. Manchmal lachen wir darüber, aber tatsächlich kann dahinter Stress stecken. Ein übererregbarer Hund zeigt sich nicht einfach ärgerlich, wenn er etwas nicht mag. Er wird rasend. Und ein ängstliches Tier erschrickt nicht einfach in einer plötzlich ungewohnten Situation, es reagiert völlig entsetzt, auch wenn eigentlich nichts besonderes passiert. Manchmal zeigen sich auch paradoxe Reaktionen, die irgendwie nicht zu der Situation passen. Beispielsweise dreht sich der Hund plötzlich weg und sucht nach Futter oder starrt in eine Richtung. Ein Zeichen von Übererregung ist Hyperaktivität. Die Tiere kommen nicht zur Ruhe, laufen unruhig umher, jaulen, winseln und zerstören manchmal Gegenständen. Auch übermäßige Ungeduld kann ein Zeichen für Übererregbarkeit sein, da die innere Spannung nicht ausgehalten wird und sich in wilder Hektik ausdrückt. Eine Katzen zeigt dies womöglich, indem sie ständig aufschreckt und wegläuft, Dinge jagt, etwas mit geweiteten Augen zu sehen scheint, was aber gar nicht da ist. Oder eine Katze verkriecht sich dauerhaft. Auch Unsauberkeit oder vermehrtes Harnmarkieren kann ein Zeichen für dauerhaften Stress und Übererregbarkeit sein. Überängstliche und überempfindliche Katzen werden manchmal gegenüber Menschen oder anderen Katzen aggressiv und attackieren plötzlich und unerwartet. Wenn Tiere aufgrund von übersteigerten Ängsten oder Überregung ihren Stress nicht erfolgreich verarbeiten können und die belastende Situation langandauernd ist, kann es auch zur Resignation kommen. Hunde und Katzen zeigen sich dann depressiv, lustlos, träge, starr und emotionslos. Manchmal erscheinen solche Tiere aber auch besonders brav, weil sie alles mit sich machen lassen. Er braucht Feingefühl, um zu erkennen, ob es sich dabei um erlernte Hilflosigkeit und somit ein Aufgeben handelt. Dann müssen wir handeln und den Tieren helfen, denn Dauerstress und Hilflosigkeit führen zu emotionalem Leid, welches sogar in vermehrter Neigung zu Krankheiten führen kann. Andererseits können auch chronische körperliche Erkrankungen ein Tier stressen. 

 

WAS KOMMT ALS URSACHE IN FRAGE?

Die Ursachen für Übererregbarkeit können verscheiden sein. Eine gewisse Veranlagung kann erblich sein oder eine individuelle Charaktereigenschaft. Oftmals steckt allerdings mehr dahinter. Allen voran vermehrter Stress! Aber was sind die Ursachen von Stress? Im Grunde handelt es sich um eine allgemeine Anpassungsreaktion auf einen Reiz. Wird dies erfolgreich bewältigt, tritt sogar ein Wohlfühlgefühl auf und die Tiere gehen selbstbewusst und entspannt aus der Situation heraus. Wenn aber ein Reiz eintritt, der eine Alarmbereitschaft auslöst und so eine Reaktion wie Flucht, Angriff bzw. Bewältigung der Aufgabe zur Folge hätte, dies aber nicht zur Lösung des Problems führt, dann entsteht weiterer Stress. Man unterscheidet auch, ob es eine einmalige Stressreaktion ist, vielleicht eine bestimmte Situation oder ein Ort, welcher zum Problem wird oder ob eine dauerhafte stressvolle Belastung vorliegt. Je seltener die "Aufgabe" bzw. "Herausforderung" vom Tier gelöst werden kann, also wenn aktive Handlungen oder aus der Situation Gehen keine Erleichterung bringen, dann entsteht eine erhöhte Alarmbereitschaft. Der Reiz wird zunehmend bedrohlicher wahrgenommen und alle Sinne hochgefahren, damit vielleicht doch irgendwann eine Lösung gefunden wird. Nur irgendwann kommt es so zu unangemessenen Reaktionen. Oder das Tier ist durch Dauerstress in einer so hohen "Erregungsschleife" gefangen, dass jeder kleinste Reiz erneut Stress auslöst, was das ganz noch befeuert und verschlimmert. 

 

 

WAS KANN MAN TUN?

Wie kommt man aus dieser ungesunden Erregungsschleife wieder heraus? Wie kann man mit Hunden oder Katzen, die zu Hyperarousal neigen, umgehen? Zunächst ist einmal festzuhalten, dass wir uns Tieren, die unter Übererregbarkeit leiden, annehmen sollten. Denn eine vermehrte Erregbarkeit bedeutet Dauerstress und dies lässt das Tier irgendwann leiden. Als Halter oder Betreuer eines Tieres steht es in unserer Verantwortung, unnötiges Leid bei Tieren zu vermeiden. Was kann man tun, um aus diesem Kreislauf herauszukommen?

 

Folgende Bedürfnisse wollen erfühlt werden:

  • Das Nervensystem möchte sich erholen
  • Manche Situationen wollen gemeistert werden
  • eine Neubewertung von Orten, Objekten oder Geräuschen ist notwendig

Aber auch körperliche Ursachen sollten geklärt werden. Am häufigsten kommen in Frage:

  • Schmerzen!
  • Hormondysbalancen (zu viel oder zu wenig Testosteron, Schilddrüsenunter- oder überfunktion)
  • möglicherweise auch manche Formen von Epilepsie
  • Parasitenbefall (Flöhe, Milben) nicht zu vergessen!

Sowohl der körperliche wie der emotionale Zustand des Tieres ist relevant und auch die Umgebung und das Empfinden des Tierhalters. Je nach Fragestellung und Auffälligkeiten können dann bestimmte Situation geübt werden. Manchmal hilft auch unterstützend oder sogar alleine die Veränderung von Haltungsbedingungen. Wichtig ist, dass der Tierhalter selbst lernt, feine Signale des Hundes oder der Katze wahrzunehmen und sich in das Tier reinzuspüren. Dies bildet eine wichtige Grundlage, auf der aufbauend stressreduzierende und beruhigende Techniken, zum Beispiel aus dem Bereich Achtsamkeit und Meditation, angewendet werden können. Tiere reagieren sehr fein auf unsere Stimmungslage, unsere Ausstrahlung und unsere Kommunikation. Sie werden oft ruhig, wenn wir es werden. Dabei bedeutet Ruhe nicht nur die äußere, sondern auch die innere Gelassenheit. Indem wir uns selbst mit in den Prozess hineinbringen, können Tiere lernen, mit Stress umzugehen und wir können sogar aktiv dazu beitragen, ihr Nervensystem zur Ruhe kommen zu lassen. Dass wir auch davon profitieren können, ist ein schöner Nebeneffekt.

 

SONDERFALL DEPRIVATION BEI WELPEN

Nicht zuletzt gibt es noch den Sonderfall des Deprivationssyndrom, welches in einer Übererregbarkeit münden kann. Hunde und Katzen, die in ihrer ganz frühen Welpenzeit unter sterilen oder beengten Bedingungen lebten und kein oder kaum Kontakt zu anderen Tieren, Menschen und neuen Situationen hatten, sind im späteren Leben damit überfordert. Insbesondere Tiere aus dubiosen Zuchten, illegalem Welpenhandel, Animalhoarding oder aus verwahrlosten Tierschutzsituationen können diese Art "seelische" Verkümmerung zeigen. Hier braucht es sehr viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl, um die Tiere an einen "normalen" Alltag zu gewöhnen. Denn sie müssen alles wie ein kleiner Welpe neu kennen lernen und sind dabei oft völlig überfordert, da die Reize zu viel und zu schnell auf das Nervensystem auftreffen. Die Folge ist massiver Stress. Diese Tiere brauchen immer wieder Ruhezonen und Erholungspausen. Manche Tiere, die in der so sensiblen Welpenzeit unter deprivierten Verhältnissen aufwuchsen, können möglicherweise nie ein "ganz normales" Hunde- oder Katzendasein führen, da das Gehirn nur ein gewisses Fenster für diese Lernphase hat. Es ist also tatsächlich ein körperlicher Schaden hierdurch entstanden. Allerdings können die meisten Tiere, wenn sie ein angemessenes Zuhause gefunden haben und der Tierhalter um die Besonderheiten weiß, ein erfülltes und zufriedenes Leben führen. Ein Hund oder eine Katze muss ja auch nicht immer "normal" sein, um zufrieden zu sein. Zufriedenheit entsteht durch so viel mehr. Durch Geduld, Geborgenheit, Erholung, Umlernen, Ausschluss oder Therapie organischer Ursachen oder Änderung des Umfeldes kommt irgendwann auch ein übererregtes Tier zur Ruhe und kann entspannt und auch freudvoll das Leben genießen.